In dankbarer Erinnerung an Dr. iur. Peter Voser

Smiling elderly man in a suit and bow tie seated indoors with a cityscape visible through large windows behind him.

Am 9. Juli 2026 ist unser Seniorpartner Dr. iur. Peter Voser, Fürsprecher und Notar, nach einem langen und reich erfüllten Leben im Alter von 103 Jahren verstorben. Mit ihm verlieren wir eine Persönlichkeit, die Voser Rechtsanwälte über viele Jahr zehnte geprägt hat – als hervorragender Jurist, weitsichtiger Unternehmer, engagierter Bürger und vor allem als Mensch.

Peter Voser war unserer Kanzlei weit mehr als nur beruflich verbunden. «S’Büro», wie er sie jeweils nannte, war ein wesentlicher Teil seines Lebens. Bis ins hohe Alter nahm er mit wachem Interesse Anteil an ihrer Entwicklung, kam regelmässig im Büro vorbei und freute sich über Begegnungen mit den Menschen, die hier arbeiteten. Noch lange nachdem er die operative Verantwortung abgegeben hatte, blieb er für uns stets präsent – als Seniorpartner, Gesprächspartner, Wegbegleiter und Verkörperung eines Selbstverständnisses, das unsere Kanzlei bis heute prägt.

Die Kanzlei wurde ihm gewissermassen in die Wiege gelegt
Peter Voser wurde am 3. Juni 1923 in Baden geboren. Sein Vater, ein angesehener Rechtsanwalt, hatte 1918 seine anwaltliche Tätigkeit in Baden aufgenommen und damit den Grundstein für die heutige Kanzlei Voser Rechtsanwälte gelegt. Peter Voser erlebte deren Entwicklung schon von Kindesbeinen an. Sein beruflicher Weg wurde dann aber zunächst durch den Zweiten Weltkrieg und seinen Aktivdienst verzögert. Nach dem Krieg und diversen Aufenthalten im nun wieder zugänglichen Ausland studierte der vielseitig interessierte junge Mann an der Universität Zürich Rechtswissenschaften, wo er mit einer rechtsgeschichtlichen Dissertation mit dem Prädikat summa cum laude promovierte. Anschliessend betätigte er sich in der Anwaltskanzlei seines Vaters, wo er auch sein Praktikum absolvierte, und trat schliesslich 1958 nach bestandener Anwaltsprüfung selbst als Rechtsanwalt in die Kanzlei ein, welche sich damals in einem älteren Gebäude an der Parkstrasse befand. Schon kurze Zeit später übernahm er 1960 von seinem inzwischen bereits 70 Jahre alten Vater die Verantwortung für die Kanzlei.

Die damalige Zeit war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen. Die Rechtsordnung wurde zunehmend komplexer, neue Gesetze und Rechtsgebiete entstanden, und das traditionelle Bild des einzelnen «Universalanwalts» begann sich zu wandeln. Peter Voser erkannte früh, dass die Zukunft in der Zusammenarbeit und in der Verbindung verschiedener juristischer Kompetenzen lag.

Mit dem späteren Eintritt von Dr. Jan Kocher, zunächst als Praktikant und danach als Rechtsanwalt und Notar, begann deshalb der schrittweise Ausbau des Büros. 1965 erfolgte der Umzug in den Neustadthof in der Badener Vorstadt. Dort entwickelte sich die Kanzlei weiter und erschloss neue Tätigkeitsfelder. Zu den damals besonders innovativen Rechtsgebieten gehörte das Stockwerkeigentum, das in der Schweiz erst wenige Jahre zuvor gesetzlich eingeführt worden war. Peter Voser und seine Kanzlei begleiteten zahlreiche entsprechende Projekte und erarbeiteten sich früh eine besondere Kompetenz in diesem Bereich.

Über die Jahrzehnte durfte Peter Voser auch zahlreiche weitere bedeutende wirtschaftliche Entwicklungen in der Region juristisch begleiten. Besonders in Erinnerung blieb ihm die Fusion der BBC mit der schwedischen Asea zur heutigen ABB – ein Ereignis von ausserordentlicher Bedeutung für den Wirtschaftsstandort Baden.

Nicht Prozesse führen, sondern Probleme lösen
Das Berufsverständnis von Peter Voser ging indessen weit über juristische Fachkenntnisse hinaus. Er verstand den Rechtsanwalt nicht in erster Linie als jemanden, der Konflikte vor Gericht austrägt. Für ihn bestand die eigentliche Aufgabe darin, den Menschen zuzuhören, ihre Situation zu verstehen und tragfähige Lösungen zu finden. Sinngemäss brachte er seine Haltung einmal auf die einfache Formel: «Die Aufgabe eines Rechtsanwalts ist nicht, Prozesse zu führen, sondern Konflikte zu lösen.»

Dieses Verständnis war verbunden mit einer ausgeprägten Unabhängigkeit. Die Interessen des Klienten standen für ihn im Zentrum, ohne dass der Anwalt deshalb seine eigene professionelle Beurteilung aufgeben sollte. Gute anwaltliche Beratung bedeutete für ihn, Verantwortung zu übernehmen, eine klare Empfehlung auszusprechen und das Bestmögliche für den Klienten zu erreichen.

Ebenso zentral war für ihn das Vertrauen. Als er anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums unserer Kanzlei auf deren Geschichte zurückblickte, erinnerte er daran, dass in früheren Zeiten vieles ohne umfangreiche schriftliche Vereinbarungen funktioniert habe – ein Handschlag genügte. Entscheidend sei gewesen, dass man sich aufeinander verlassen konnte. Dieser Gedanke war für ihn keineswegs nostalgisch. Vertrauen, Loyalität und Verlässlichkeit betrachtete Peter Voser auch in einer immer komplexer werdenden Welt als unverzichtbare Grundlage jeder Zusammenarbeit.

Ein Anwalt muss sich für die Menschen interessieren
Peter Voser war davon überzeugt, dass gute Juristinnen und Juristen nicht allein an Universitäten, in Bibliotheken und Gerichtssälen ausgebildet werden. Jungen Anwältinnen und Anwälten riet er, sich unter die Menschen zu begeben, Vereinen beizutreten und sich für das Gemeinwesen zu engagieren. Ein Anwalt müsse wissen, wie Menschen ausserhalb seiner eigenen Lebenswelt leben und arbeiten. Nur wer sich tatsächlich für Menschen und ihre Sorgen interessiere, könne sie auch gut beraten. Peter Voser selbst lebte dieses Verständnis konsequent vor. Sein Interesse für die Menschen ist ihm bis zuletzt nie verloren gegangen.

Auch seine liberale Geisteshaltung war für ihn nicht bloss politische Positionierung, sondern Ausdruck einer persönlichen Grundhaltung: Eigenverantwortung, Offenheit, Respekt vor anderen Meinungen und die Bereit-schaft, Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Über Jahrzehnte engagierte er sich deshalb in zahlreichen Funktionen, insbesondere für seine Heimatstadt Baden und ihre Ortsbürgergemeinde. Er gehörte unter anderem dem Verfassungsrat des Kantons Aargau und der Finanzkommission der Einwohner-gemeinde und der Ortsbürgergemeinde Baden an, war FDP-Einwohnerrat und Fraktionspräsident und engagierte sich während vieler Jahre in der Reben- und Trottenkommission der Badener Ortsbürger, die er während mehr als zwei Jahr-zehnten präsidierte. 1994 verliehen ihm die Ortsbürger für seine grossen Verdienste das Ehrenbürgerrecht.

Peter Vosers Einsatz war dabei stets ausgesprochen praktisch. Er wollte gestalten. Er setzte sich für Institutionen und Projekte ein, die Baden bis heute prägen, und engagierte sich mit derselben Energie auch für Vereine und gesellschaftliche Organisationen, zu denen insbesondere die traditionsreiche Schützen-gesellschaft Baden gehörte. Auch der Erhalt des Restaurants Belvédère und weitere für das gesellschaftliche Leben der Stadt wichtige Projekte lagen ihm am Herzen.

Ein Mensch mit Charisma, Humor und Lebensfreude
Wer Peter Voser begegnete, erinnert sich aber nicht zuerst an Ämter, Funktionen oder juristische Dossiers. In Erinnerung bleibt seine Persönlichkeit. Er besass eine natürliche Autorität, ohne distanziert zu wirken, war interessiert an Menschen und ihren Geschichten, humorvoll, warmherzig und bis ins hohe Alter neugierig auf das, was um ihn herum geschah. Seine ausgeprägte Fähigkeit, mit ganz unterschiedlichen Menschen ins Gespräch zu kommen, war wohl eine seiner grössten Stärken.

Neben Beruf und öffentlichem Engagement pflegte er auch noch weitere Leidenschaften. In jungen Jahren war er im Badener Theaterleben aktiv. Über die «Badener Maske» lernte er seine spätere Ehefrau kennen, mit der er eine Familie gründete und über sechs Jahrzehnte verheiratet war.

Sport und Natur spielten in der Familie eine wichtige Rolle. Peter Voser und seine Frau unternahmen mit ihren Kindern, einer Tocher und zwei Söhnen, Bergtouren bis in die Walliser Alpen und auf den Monte Rosa. Im Alter fanden sie im Engadin eine zweite Heimat. Dort genossen sie das Wandern, die Ruhe und das Zusammensein mit Freunden und der Familie, zu welcher inzwischen auch fünf Enkelkinder gehörten, welche ihnen grosse Freude bereiteten. Mit 99 Jahren wurde Peter Voser dann sogar noch Urgrossvater und später zweifacher Urgrossvater.

Natürlich hatte die Familie bisweilen auch schwere Zeiten durchzustehen. Peter Voser meisterte diese stets mit bewundernswerter Grösse und Stärke und einer gewissen Selbstverständlichkeit. Als seine Frau im Alter erkrankte, übernahm er einen grossen Teil der Hausarbeit und lernte noch im hohen Alter Dinge, die zuvor nicht zu seinem Alltag gehört hatten. Nach dem Tod seiner Frau führte er den Haushalt noch während Jahren weitgehend selbständig.

Es entsprach seinem Wesen, das Leben anzunehmen, wie es kam – mit Interesse, Disziplin, Humor und einer bemerkenswerten inneren Unabhängigkeit.

«Wir hatten immer grosses Glück»
Als unsere Kanzlei im Jahr 2018 das 100-jährige Bestehen feiern durfte, wurde Peter Voser gefragt, was das Geheimnis dieser langen Erfolgsgeschichte sei. Seine Antwort war typisch für ihn: «Wir hatten immer grosses Glück.» Er hatte damit vor allem die Menschen vor Augen, die zur richtigen Zeit zur Kanzlei gefunden hatten. Allen voran seinen Vater, der ihm einen guten Namen hinterlassen hatte, und Dr. Jan Kocher, später – bis zu seiner Wahl zum Gerichtspräsidenten von Baden – Dr. Peter Rüegg, danach Dr. Philip Funk und die zahlreichen weiteren Partnerinnen, Partner und Mitarbeiten den, welche die Kanzlei über Generationen weiterentwickelten.

Die Antwort von Peter Voser verriet auch etwas über ihn selbst. Er stellte sich nie in den Mittelpunkt. Er wusste, was er geleistet hatte, und konnte durchaus stolz darauf sein. Aber er verstand den Erfolg einer Institution immer als Gemeinschaftswerk.

Mit dem Erreichen des AHV-Alters im Jahr 1988 übergab Peter Voser die Kanzlei in die Verantwortung von Dr. Jan Kocher, blieb aber selbstverständlich noch während vieler Jahre weiterhin mit dem gewohnten Engagement für diese tätig. Die Kanzlei entwickelte sich weiter und wuchs zu dem Unternehmen heran, das sie heute ist. Schon bald benötigte sie grössere Büroräumlichkeiten und zog 1993 ins Tagblatt-Hochhaus, wo sie sich heute noch befindet. Auch an diesem neuen, mittlerweile dritten Kanzleistandort hatte Peter Voser, obwohl er inzwischen ja eigentlich bereits pensioniert war, selbstverständlich weiterhin einen Arbeitsplatz. Nach seinem 100. Geburtstag, den er natürlich auch mit dem Büro gebührend feierte, verkündete er quasi aus heiterem Himmel, dass er seinen Arbeitsplatz nun nicht mehr benötige und wir über diesen verfügen können. Trotzdem besuchte er uns auch danach weiterhin regelmässig, sei es für einen kurzen Schwatz oder für ein gemütliches Mittagessen in kleiner Runde. Wir alle freuten uns stets sehr über diese Besuche und den Austausch mit ihm.

Peter Voser verfolgte die Entwicklung unserer Kanzlei bis zuletzt mit grosser Freude. Anlässlich ihres 100-Jahr-Jubiläums schrieb er, wie glücklich ihn diese Entwicklung mache. Besonders wichtig war ihm dabei, allen zu danken, die daran beteiligt waren: seinen Partnern, den Anwältinnen und Anwälten, den Mitarbeitenden – und ausdrücklich auch den Klientinnen und Klienten, die der Kanzlei über Generationen ihr Vertrauen geschenkt hatten.

Was uns bleibt
Peter Voser hinterlässt weit mehr als eine beeindruckende Lebensgeschichte. Er hat unserer Kanzlei und uns allen Werte vorgelebt, die sich nicht in Organigrammen oder Reglementen festhalten lassen: fachliche Exzellenz und gesunden Pragmatismus, Unabhängigkeit und Loyalität, unternehmerischen Mut und Bodenständigkeit, Freude am Beruf und echtes Interesse an den Menschen.

Vor allem aber hat er uns gezeigt, dass eine Anwaltskanzlei nicht allein von juristischem Wissen lebt. Sie lebt von Vertrauen, von Persönlichkeiten, von gemeinsam getragenen Werten und von der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen – für die Klienten, für die Mitarbeitenden und für das Gemeinwesen.

Wir sind Peter Voser für alles, was er für unsere Kanzlei getan und uns mitgegeben hat, zutiefst dankbar. Wir verlieren mit ihm unseren Seniorpartner, einen langjährigen Wegbegleiter und einen geschätzten Freund. Seine Persönlichkeit und sein Wirken werden uns für immer in bester Erinnerung bleiben.

Den von ihm geprägten «Voser-Spirit» leben wir weiter.

Das gesamte Voser Team

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